De mortuis nihil, nisi bene – Der Fall Oettinger


…noch einen Moment. Bald sind wir bereit.
Noch einen Moment. Bald ist es so weit!

Dann zeigen wir euch, was wir lernten!
Erich Kästner

Die landesweit ausgebrochene Diskussion über den peinlichen, an dümmlicher Dreistigkeit kaum zu überbietenden Lügen-Nekrolog und Opferverhöhnungsexkurs des Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger am Grabe seines Amtsvorgängers und Totmach-Juristen Filbinger verhüllt trotz ihrer ganzen Legitimität und trotz des bevorstehenden Sturzes Oettingers dennoch den Blick auf die eigentliche Thematik.

Die Beschränkung auf eine Personalisierung des Unrechts greift zu kurz und stellt bereits per se eine gefährliche – vielfach auch eine vorsätzliche – Bagatellisierung des gesellschaftlichen Problems dar.

Dem gesamten und erschreckenden Ausmaß dieses Problems wird man auch dann nicht gerecht, wenn man erkennt, dass es sich längst nicht mehr um einen Fall Oettinger sondern mindestens auch um einen Fall der moralisch verwahrlosten Lügen-Claqeure Strobl, Brunnhuber und Rech handelt.

Allen Beteiligten ist nämlich ohne jeden Zweifel zu unterstellen, dass sie gegen besseres Wissen mit zynischem Vorsatz und kaltem politischen Kalkül  an den unstrittigen historischen Gegebenheiten vorbei auf die breite Zustimmung der CDU-Basis weit über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus zielen und – wie viele Diskussionsbeiträge belegen – leider auch treffen.

Unsere bundesrepublikanische Wirklichkeit ist voll von nahezu gleichartigen Bildern und Ereignissen, die sich in immer dichterer Chronologie aneinander reihen und in Furcht erregender Weise ähneln.

Die zusehends unverfrorenere Relativierung nationalsozialistischen Unrechts, die zunehmende Verharmlosung des unsäglichen Leids der Naziopfer, die Geringachtung der Gefährlichkeit und Gefahr des allgegenwärtigen, breit und unverhohlen in nahezu allen Schichten und gesellschaftlichen Gruppierungen der Bevölkerung akzeptierten rechten Gedankenguts und seiner – wie die nahezu täglichen Vorfälle von Fremdenhass und Antisemitismus belegen – sich häufenden neonazistischen Auswüchse haben längst Wirkung gezeigt.

Von tragenden gesellschaftlichen Gruppierungen genährte Nationalstolz-  und Schlussstrichdebatten, von eigener Schuld ablenkende Schuldzuweisungen an die historischen Rolle und Gegenwartspolitik anderer Nationen sowie die – unter bewusster Weglassung von Ursache und Wirkung –  wachsend vorgetragene Larmoyanz über deutsche Opfer vermeintlicher alliierter Kriegsgräuel ergänzen diese gesellschaftlichen Veränderungen in synergistischer Weise.

In diesem unseligen Trend liegen auch die zur besten Sendezeit ausgestrahlten – wieder unter Weglassung von Ursache und Wirkung – ausschließlich die Beschwernisse und Verluste der deutschen Ost-Kolonisatoren schildernden kommerzialisierten Herzrühr- und Tränendrück-Filme wie etwa der Publikumsrenner „Die Flucht“.
Im gleichen Sinne und teilweise bis zur Verklärung der Nazigrößen wirken die – auf Schaffung menschlicher Nähe zu den Nazi-Schergen zielenden – Streifen wie der „Der Untergang“, „Der Bunker“ oder gar dem Thema völlig unangemessene Schundkomödien wie „Mein Führer“.

Unterstützt wird diese Verharmlosung und Verdrängung der unsäglichen Verbrechen des Naziregimes sowie der Schuld der Beteiligten, der Profiteure und der Mitläufer durch die zwischenzeitlich inflationierte Anzahl von Fernseh-Talkshows mit  altersstarrsinnig uneinsichtigen, vermeintlich viktimisierten, dem fremden Leid gegenüber völlig verhärteten und wehleidigen Naziveteranen oder deren Witwen.

Die Saat eines Ernst Nolte, Philipp Jenninger, Martin Hohmann, Martin Walser, Jürgen Möllemann aber auch Walter Mixa und Gregor Hanke  und ihrer zahlreichen Gesinnungsgenossen ist wirklich aufgegangen:

Während von politisch verantwortlicher Seite mit Hilfe der Einzelfall-Lüge klein geredet oder sogar vernebelt wird, dass in ständig wachsenden rechtsradikalen  „no go-areas“ und so genannten national befreiten Gebieten vor den Augen günstigen Falls  gleichgültiger und häufig untätiger Mitbürger und Ordnungskräfte immer öfter verbale und physische Übergriffe auf Fremde und fremdländisch aussehende Deutsche stattfinden, während jüdische Mitbürger – wie der Kippa-Test und tätliche Angriffe auf Rabbiner beweisen  – es kaum noch wagen können, sich ungefährdet als Juden erkennen zu geben und farbige Personen ohne Gefahr gar nicht oder nicht mehr allein öffentliche Verkehrsmittel und andere öffentliche Bereiche nutzen können,  während in der Bundeswehr immer neue Skandale wie etwa die eben bekannt gewordene Hass- und Agressions-Motivierung durch befohlene rassistische Fokussierung auf den „schwarzen Mann“ geübt wird und während unter der Führung eines einschlägig geschichtlich vorbelasteten deutschen Papstes der Klerus einen ideologischen Feldzug gegen Israel führt, mit dem Ziel geschichtliche Fakten soweit zu verfälschen, um aus dem mit den Nazis sympathisierenden Wegsehpapst Pius XII einen Widerstandskämpfer mit Heiligenschein zu machen, kann es doch niemanden, der nicht als Heuchler gelten möchte, wirklich verwundern, wenn in Baden-Württemberg ein Ministerpräsident versucht, sich beim Wahlvolk beliebt zu machen und in gleicher Weise den bis zum Tode uneinsichtigen NS-begeisterten Exekutionsjuristen Filbinger an der historischen Wahrheit vorbei mit einem Persil-Schein zu versehen und ihn zum Nazi-Gegner zu stilisieren.

Immerhin – und auch das ist  bundesrepublikanische Wirklichkeit – kommen Personen mit verwandter Geisteshaltung verrstärkt zu Amt und Würden und machen unbehindert politische, kirchliche und gesellschaftliche Karrieren.

Ebenso wenig karrierehinderlich oder Anstoß erregend – auch für allerhöchste Positionen – sind alte  Mitgliedschaften in der NSDAP oder anderen NS-Organisationen wie der Hitler Jugend.

Eine nahezu mit Koketterie vorgebrachte  Einräumung der Zugehörigkeit zu einer Mordorganisation wie der Waffen-SS wird heute clever als geschicktes Werbemittel zur Absatzförderung eines sonstig unbeachteten drittklassigen Literaturelaborats verwendet.

Hier liegt das wirkliche Problem:

Es ist in unserer Republik wieder salonfähig und sogar opportun, sich betont nationalbewusst und in rechter Gesinnung zu präsentieren.

Das bringt Wohlwollen und Wählerstimmen und darauf zielt die skrupellose – keinesfalls durch die nachgeschobene Pietätsbegründung gegenüber einem Toten gedeckte – Geschichtsverdrehung Oettingers und seiner Parteifreunde.
Daran ändert auch die anerkennenswerte und schnelle Reaktion der Kanzlerin nichts. Die Schelte, die sie dafür von der Südwest-CDU einstecken muss, ist ein weiterer Beleg hierfür.
Ein kleiner wenn auch unwesentlicher Trost bleibt – Oettinger wird, trotz der viel zu spät, widerwillig, halbherzig und kaum vernehmbar hingehauchten Entschuldigungsfalsifikate und nach spitzfindigem Beratergeheiß vorgegaukelten, plötzlichen Begegnungs- und Dialogaktivismen, gehen müssen.

Sein Pech ist es, dass zu den Opfern Filbingers nicht die üblichen – wegen der zahllosen Schlußstrichdebatten bereits aufgegebenen und verdrängten – Opfer ohne Rückhalt und Lobby gehören, sondern die für diese Rolle eher untypische Gruppe deutscher Wehrmachtssoldaten.

Dies wurde schon Filbinger nicht verziehen und wird auch einem Oettinger nicht verziehen werden.

Dr. Rafael Korenzecher
Jewish Berlin Online

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