20.Juli 1944 — falsche Helden


Mein vorangehender Post zur Analogie des missglückten deutschen Militärputsches vom 20.Juli 1944 und zu dem ebenfalls missglückten — durch den türkischen Despoten vielleicht auch nur vorgetäuschten — Militärputsch gegen den türkischen Diktator Erdogan galt vor allem der Demaskierung der ganz und gar offensichtlichen, heuchlerischen Doppelmoral unserer hiesigen rückgratlosen Anbiederungs-politik gegenüber dem türkischen Unrechtsregime.

stauffenberg zu judena

 

Angriffspunkt war der Umstand, dass die über alle Maßen ängstliche europäische und vor allem deutsche Annäherung an den türkischen Diktator die hiesige Politik ohne jeden Verzug noch in der Putschnacht zu einer würdelosen Parteinahme zu Gunsten Erdogans veranlasst hat. Trotz aller offensichtlicher Parallelen wurde nicht einmal mehr zugelassen den türkischen Widerstand der Militärs zumindest in gleichem Licht zu würdigen wie den ehemaligen deutschen.

Auf eine Bewertung des damaligen Widerstand-Geschehens und besonders der damaligen Widerstandsgruppe um Graf von Stauffenberg war bis auf den Hinweis des 1944 sehr späten Eingreifens und des Verdachts gegen die Akteure , hier nur die eigenen Belange vor der bevorstehenden Kriegsniederlage Nazi-Deutschlands retten zu wollen , hatte ich ausdrücklich verzichtet.

Nachdem allerdings zwischenzeitlich anlässlich des wiederkehrenden Jahrestages auf einer prominenten jüdischen Fcbk-Seite irritierender Weise eine buchstäbliche Glorifizierung der damaligen Widerstands-Offiziere des 20.Juli 1944 vorgenommen wurde und dort zu einer sehr kontroversen Diskussion geführt hat, sehe ich mich veranlasst, Zweifel an meiner Beurteilung dieses und anderer Widerstandsversuche von kommunistischer, sozialistischer , akademischer ( Edelweißpiraten ) und sehr kleiner Teile klerikaler und aristokratischer Seite ( Kreisauer Kreis ), besonders aber des Widerstandes der Geschwister Scholl und ihrer „Weiße Rose“-Gruppe gegen Hitler auszuräumen:

Vorweg ist festzuhalten, dass es in Nachkriegs-Deutschland durchaus nicht unumstritten bewertet war, Widerstand gegen das Dritte Reich geleistet zu haben.

So ließ die „DDR“-Führung Namen kommunistischer Antifaschisten in Gedenksteine meißeln, diskreditierte aber massiv NS-Gegner aus Bürgertum, Kirche, Adel und Militär.
Im Westen war es genau umgekehrt.

Dennoch gibt es durchaus belegbare Kriterien, die die Lauterkeit einer echten Gegnerschaft der jeweiligen Widerstandsbewegung zur totalitären und judenfeindlichen Ideologie der Nazis belegen oder aber zweifelhaft erscheinen lassen.

So steht es außer Frage, dass die persönlichen und politischen Lebensläufe der Mitglieder der „Weissen Rose“, besonders auch die der Geschwister Scholl durchaus nicht makellos waren. Sie waren elitär, sie waren vermutlich drogensüchtig, sie waren aus christlicher Tradition antijüdisch und vor allem waren sie anfangs durchaus dem Nationalsozialismus inklusive seiner Judenpolitik erheblich zugetan.

Allerdings wich ihre frühe Begeisterung nach ihren Erfahrungen schnell fundamentaler Kritik an Hitler und dem gesamten nationalsozialistischen System.

Immerhin gehörten sie zu den ersten, die die Verfolgung und systematische Ermordung von Juden in ihrem bekannten zweiten Flugblatt thematisierten und vehement verurteilten.

Von dieser Gegnerschaft zu dem Nazi-Regime kann bei dem sehr späten „Verlassen-des-sinkenden-Schiffes“ – Widerstand der Nazi-Offiziere vom 20.Juli gar keine Rede sein. Alles, was sie von ihrer Identifizierung mit der Herrenmensch-Ideologie der Nazis verloren hatten, war der Glaube an die Führungsqualitäten und den Sieg des Führers. Der Zweifel entstand schon nach Stalingrad und wuchs besonders nach der Landung der Amerikaner in der Normandie und im Wissen um die immer schneller heranrückenden Fronten in Ost und West. Die Sowjets befanden sich im Juli 1944 bereits in Ostpolen und die zweite Front im Westen stabilisierte sich nach dem 6.Juni 1944 mit zunehmender Geschwindigkeit, von der Luftüberlegenheit der Alliierten gar nicht zu reden .
Deutschland sollte die voraussehbare Niederlage und Kapitulation , vor allem vor den Russen erspart bleiben und durch eine schnelle Post-Hitler Einigung auf vorteilhafte Waffenstillstandslinien die Rettung der territorialen Autonomie des deutschen Kernlandes und zumindest eines Teils der eroberten Gebiete ermöglicht werden.
Aus der Sicht Nazi-Deutschlands ein nachvollziehbares und kühl kalkuliertes Anliegen, das sich mit dem zunehmend irrationalen Führer und seinem Nibelungen-treuen Hofstaat weder aus deutscher noch aus alliierter Sicht erzielen ließ.
Eine Aufgabe der nationalsozialistischen Ideologie oder gar eine Situationsverbesserung für die auch durch die Putschisten zutiefst verachteten Juden war nicht vorgesehen, die eigene persönliche auskömmliche Positionierung der Widerständler im Nachputsch-Deutschland dagegen durchaus. Immerhin sollte der Nazi-Ideologie stets zugeneigte Tresckow der Chef der neuen Regierung nach Hitler werden. Vor diesem Hintergrund dürfte die heute gern vollzogene Märtyrisierung der Widerstands-Beteiligten vom 20.Juli als hehre und selbstlose Vorkämpfer gegen die Nazi-Diktatur bei genauerer Betrachtung der Zusammenhänge vor der Geschichte keinen Bestand haben.
Das nationalsozialistische Unrecht und vor allem die Verfolgung , die physische Exploitation und die schlussendliche Vernichtung der Juden war für diese Rette-die-eigene-Haut Widerständler weder ein Stein des Anstoßes noch Triebfeder für ihr Handeln. Die Hoffnung, sich in allerletzter Minute trotz zu verantwortender Kriegsverbrechen mit den Siegermächten persönlich arrangieren zu können, wie oben gesagt schon eher.
Auch dass es dann letztendlich noch schief ging, lag vor allem ganz banal an der geringen Opferbereitschaft Stauffenbergs, der seine eigene persönliche Sicherheit bei dem Attentat höher einstufte als die Sicherheit , den Sprengsatz richtig und vor allem nachhaltig zu platzieren oder Hitler schlicht und ergreifend unter Risiko seines eigenen Lebens zu erschießen.
Dieses todesmutige Vorgehen wurde im Übrigen durch Führungs-Offiziere — wie Stauffenberg — unter strengster Sanktionsandrohung von jedem einfachen Soldaten vor dem Feind gefordert und wäre wohl auch von jedem Partisanen besser ausgeführt worden als durch ihn.

Über die persönliche Tapferkeit von Stauffenberg und der anderen Widerständler seines Kreises möchte ich aber über mein persönliches Urteil hinaus nicht abschließend richten. Dazu bin ich weder berufen noch geeignet — das wird die Geschichtsschreibung erheblich besser leisten als ich.
Der Stoff für eine Heldensaga war Stauffenbergs Versagen das letztendlich fast alle Widerständler das Leben gekostet hat, jedenfalls wirklich nicht.
Eher war es wohl so, dass in dem ohnehin recht widerstandsarmen Deutschland Stauffenberg und seine 20.Juli-Gruppe die keinesfalls uneigennützigen Einäugigen unter den Blinden waren.

stauffenberg zu judena - Kopie

Aufrichtiger waren dann schon eher, falls es wirklich einen echten militärischen Widerstand gegen Erdogan gegeben haben soll, die gescheiterten Anführer des Miniputsches in der Türkei.

Dennoch sollte hier der Ansatz gelten , dass jeder Widerstand gegen das Blutregime Hitlers – aus gleich welchen Motiven – besser war als kein Widerstand.

Leider wird in diesem Sinne von den heutigen hiesigen Chamberlains angesichts des türkischen Hitler-Verschnitts offensichtlich und trotz trotz sinnentleerter Festtagsansprachen unbeachtet gelassen, dass Widerstand gegen Diktatoren immer ein berechtigtes moralisches Anliegen bleiben wird.

Obwohl ich beispielsweise dem Widerstand der „Weissen Rose“ und der übrigen früheren leider allzu wenigen damaligen Nazi-Gegner höhere moralische Integrität beimesse , bedauere ich das Scheitern des 20.Juli Widerstandes zutiefst, vor allem weil auch mit einer antisemitischen neuen deutschen Post-Putsch-Regierung der industrielle Mord an Juden früher und mit weniger Mordopfern beendet und auch viele andere Kriegsopfer vermieden worden wären.

Dr. Rafael Korenzecher

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