Wo bleibt das Positive ? –Rosh Hashana 5779


Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
»Herr Kästner, wo bleibt das Positive?«
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt. ( Erich Kästner,1930 )

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islam

Der sich soeben vollziehende Umbruch des jüdischen Jahres und die im Judentum mit eigener, ihrer besonderen Bedeutung angemessener Bezeichnung als „Aseret Yemei Teshuva“ alljährlich hervorgehobenen „zehn Tage der Buße und inneren Einkehr“ zwischen dem jüdischen Neujahr und dem nunmehr folgenden, als Yom Kippur bekannten jüdischen Versöhnungsfest sollten auch der Entschleunigung der üblichen Tageshektik und Geschäftigkeit dienen.

Es sind die ersten zehn Tage des jüdischen Monats Tishrei, der auch der erste Monat im jüdischen Kalenderjahr ist, das für keinen Juden beginnen sollte, ohne sich Rechenschaft über das Vergangene abzugeben und die auferlegte Muße dieser Zeit zur Selbstbesinnung und falls erforderlich zur Korrektur und Neuausrichtung des eigenen Tuns zu nutzen.

Für mich stellt diese Zeit auch die Gelegenheit dar auf die Zuschriften von Lesern, Freunden aber auch politischen Gegnern einzugehen, die mir ihre ehrliche Sorge mitteilen oder den bösartigen Vorwurf machen, die auf uns alle täglich einstürmenden Ereignisse unbewußt oder vorsätzlich allzu negativ und düster zu bewerten, mich aus politisch durchsichtiger Richtung instrumentalisieren zu lassen und damit selbst Angst, Verunsicherung und Misstrauen in Richtung auf unsere gegewärtige Politik zu verursachen oder zumindest zu aggravieren.

Ich denke hier werden meine Möglichkeiten und mein Wirkungsgrad weit überschätzt. Ich bin nur ein Chronist und berichte, was ich an Bedenklichem und Gefährlichem für unsere Gesellschaft und uns Juden sehe, nach bestem Wissen und Gewissen. Und ganz sicher trage ich nichts bei zu den für dieses Land und Westeuropa und besonders für uns Juden immer deutlicher werdenden und sich sogar täglich beschleunigenden, bislang unkorrigierten Fehlhandlungen unserer gegenwärtigen politischen Führung und den daraus erst entstandenen Gefahren von links und von rechts.

Ich bin nur der Überbringer der schlechten Nachricht, nicht deren Verursacher ……

—-

Genau Zu diesem Phänomen schrieb Erich Kästner 1930 — natürlich mit dem damals bestehenden zeitgeschichtlichen Bezug — unter dem Titel „Wo bleibt das Positive, Herr Kästner“ folgende Zeilen, die ich hier ungekürzt wiedergebe. Sie haben meines Erachtens in ihrer gundlegenden Geltung nie ihre Aktualität verloren – ganz im Gegenteil und ganz besonders heute nicht, im Hinblick auf das gegenwärtig hierzulande und in Westeuropa um uns herum stattfindende und sich mit schrecklichen Volten in eine besonders für uns Juden verhängnisvolle Richtung entwickelnde Geschehen:

grosz_dehors_et_dedans_1926

Wo bleibt das Positive? ( Erich Kästner, 1930 )

„Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
»Herr Kästner, wo bleibt das Positive?«
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.

Noch immer räumt ihr dem Guten und Schönen
den leeren Platz überm Sofa ein.
Ihr wollt euch noch immer nicht dran gewöhnen,
gescheit und trotzdem tapfer zu sein.

Ihr braucht schon wieder mal Vaseline,
mit der ihr das trockene Brot beschmiert.
Ihr sagt schon wieder, mit gläubiger Miene:
»Der siebente Himmel wird frisch tapeziert!«

Ihr streut euch Zucker über die Schmerzen
und denkt, unter Zucker verschwänden sie.
Ihr baut schon wieder Balkons vor die Herzen
und nehmt die strampelnde Seele aufs Knie.

Die Spezies Mensch ging aus dem Leime
und mit ihr Haus und Staat und Welt.
Ihr wünscht, daß ich’s hübsch zusammenreime,
und denkt, daß es dann zusammenhält?

Ich will nicht schwindeln. Ich werde nicht schwindeln.
Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weis.
Es gibt genug Lieferanten von Windeln.
Und manche liefern zum Selbstkostenpreis.

Habt Sonne in sämtlichen Körperteilen
und wickelt die Sorgen in Seidenpapier!
Doch tut es rasch. Ihr müßt euch beeilen.
Sonst werden die Sorgen größer als ihr.

Die Zeit liegt im Sterben. Bald wird sie begraben.
Im Osten zimmern sie schon den Sarg.
Ihr möchtet gern euren Spaß dran haben …?
Ein Friedhof ist kein Lunapark.“ ( Erich Kästner )
—–

Dr. Rafael Korenzecher

(unteres Bild George Grosz 1926 – Dehors et Dedans )

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